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OHNE LAND KEIN LEBEN

Landkonflikte um Landnutzung im globalen Süden sind auch eine Konstante in der Geschichte Lateinamerikas. Die Kolonisierung bedeutete die territoriale Enteignung der indigenen Völker, eine Tatsache, die bis heute Auswirkungen hat. Seitdem ist die Verteilung von und der Zugang zu Land ungleich. Auf der einen Seite stehen die Unternehmen und Großgrundbesitzer:innen, die Tausende von Hektar Land anhäufen, und auf der anderen Seite die Bäuer:innen und indigenen Völker, die um den Zugang zu diesem Land kämpfen.

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In vielen Ländern des globalen Südens verteidigen Hunderte von lokalen Gemeinschaften und Organisationen ihrer Territorien gegen die Zerstörung durch das Vordringen extraktivistischer Projekte: Bergbau, Infrastrukturprojekte und die von der Agrarindustrie betriebenen Monokulturen (wie Soja, Ölpalmen, Holzplantagen). Diese Kämpfe sind nicht neu, sondern werden von Zeit zu Zeit akuter und verdeutlichen die Ungleichheit, Ausgrenzung und Gewalt, der insbesondere indigene und bäuerliche Gemeinschaften ausgesetzt sind.

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In Form von Interviews und Artikeln wollen wir in diesem Bereich unserer Website nach und nach über die Erfahrungen derjenigen berichten, die für den Zugang zu Land und die Verteidigung ihrer Territorien kämpfen.

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Im Jahr 2000 befand sich Argentinien mitten in einer tiefen ökonomischen und sozialen Krise.

In der Provinz Misiones waren die Einwohner darüber hinaus von der Forstwirtschaft betroffen. Eine Gruppe von Frauen aus Puerto Piray begann, sich zu organisieren, um nicht nur der Wirtschaftskrise, sondern auch den Gesundheitsproblemen zu begegnen, die durch die Kiefernplantagen des Forstunternehmens Forestal Arauco verursacht wurden. Und das mit Erfolg: 2016 erreichten sie, dass mehr als 90 Familien 166 Hektar Land zugesprochen bekamen, das mittlerweile kollektiv bewirtschaftet wird.

Conectando territorios befragte Miriam Samudio von der Organisation unabhängiger Erzeuger von Puerto Piray [PIP], um mehr über den Organisationsprozess, ihre Erfolge und ihre aktuelle Arbeit zu erfahren.

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Miriam Samudio

Miriam Samudio

Wie lange gibt es die Forstwirtschaft in der Provinz Misiones schon?

 

Ich erinnere mich, dass schon meine Eltern in einem Forstunternehmen in der Gegend gearbeitet haben. Dieses Unternehmen sammelte Kiefernharz und verarbeitete das Holz. Die Leute aus der Umgebung arbeiteten dort, und die Bäume wurden mit Handwerkzeugen - Macheten und Hacken - gepflegt. Es wurden keine Pestizide verwendet, keine Maschinen wurden eingesetzt, um das Land zu besprühen oder zu vergiften. Außerdem erlaubte es dieses Unternehmen den Familien, in der Mitte der Plantage, wo es Parzellen gab, Mais, Süßkartoffeln und Maniok anzubauen.

Dann kam 1996 dieses multinationale Unternehmen, das damals Alto Paraná hieß. Es kam mit dem Versprechen, Arbeitsplätze in der Region zu schaffen, für Entwicklung zu sorgen und sich für unsere Gesellschaft einzusetzen. Die Leute waren froh, dass unsere Eltern, Brüder und Schwestern und alle Männer in der Gegend einen Arbeitsplatz hatten.

 

Wie hat das Unternehmen Alto Paraná das Land in der Provinz erworben?

 

Was wir wissen, ist, dass sie öffentliches Land von den anderen Unternehmen in der Gegend kauften. Es gab kleine Siedler in der Gegend, die sie aufsuchten und ihnen Geld boten, um sie zu kaufen, und auf diese Weise verschwanden die Siedlungen. Eine weitere Ursache für das Wachstum des Unternehmens war, dass es begann, alle Menschen zu entlassen und durch Maschinen zu ersetzen.

Und so verschwanden diese Gemeinden nach und nach. Denn diejenigen, die ohne Arbeit blieben, hatten nicht viel zu tun. Sie hatten kein Land, um Gärten anzulegen oder Tiere zu züchten, weil die Plantagen auf diesem Land lagen. So lebten sie schließlich am Rande der Stadt und suchten nach Arbeit. Das hat uns alarmiert und wir sagten: Wir werden die Letzten sein, die sie mit Gewalt vertreiben! Mit der Zeit wurde uns klar, dass all das in Komplizenschaft mit dem Staat geschah.

 

Wissen Sie, ob das Unternehmen vom Staat subventioniert wird?

 

Aus Gesprächen und Verhandlungen mit Unternehmern, Anwälten und Ingenieuren aus Alto Paraná, an denen wir teilgenommen haben, haben wir erfahren, dass das Unternehmen ein Abkommen mit der Provinz hatte, in dem die Provinz sogar in die Forstplantagen des multinationalen Unternehmens investierte und diese subventionierte.

 

Können Sie uns sagen, welche Strategie das Unternehmen angewandt hat, um die Akzeptanz der Gemeinden zu gewinnen?

 

Das Unternehmen setzte Sozialarbeiter ein, die in das Gebiet kamen. Sie besuchen Schulen, bringen kleine Dinge mit, um zu helfen, und dann sagen sie, dass das Unternehmen sozial engagiert ist. Damit soll von der Forderung, die Kiefern hinter unseren Häusern zu entfernen, abgelenkt werden. Das Unternehmen organisiert auch einen Solidaritätsmarathon, bei dem es alle zur Teilnahme aufruft, Schulen, die Gemeinde und die Regierung. Wir wehren uns dagegen, indem wir die Menschen über den Schaden aufklären, den das Unternehmen anrichtet, und wir nennen ihn den "Marathon des Todes".

 

Wenn das Unternehmen eine Beratungssitzung zur Zertifizierung durchführt, versuchen wir, auf jeden Fall dabei zu sein. Die letzte Sitzung fand in El Dorado statt und sollte hinter verschlossenen Türen durchgeführt werden. Wir taten alles, was wir konnten, um daran teilzunehmen, und es gelang uns, in das Treffen einzugreifen, indem wir den Teilnehmern die Wahrheit sagten und sie einluden, in unser Gebiet zu kommen. Und sie kamen. Wir brachten sie dorthin, wo die Quellen versiegt waren, wo das Unternehmen Kiefern bis an den Rand der Bäche gepflanzt hatte, wo es Feuchtgebiete und Bäche gab, die das Unternehmen mit Maschinen mit Erde auffüllte und schließlich tötete.

 

Können Sie uns etwas über die Verseuchung der Region sagen?

 

Seit das Unternehmen 1996 in das Gebiet kam, setzt es giftige Agrochemikalien ein. Wir haben gesehen, wie sie vor und nach der Aussaat gesprüht haben. Im Laufe eines Jahres machten sie drei oder vier Sprühvorgänge, und da begann das Problem, denn wir sahen, wie die Bäche austrockneten und die Quellen versiegten. Wir sahen sehr wenige wilde Tiere; Schmetterlinge, Tauben, Kaninchen verschwanden, weil deren Lebensraum verseucht wurde.

Jahr für Jahr atmeten wir diese Luft ein, die wir manchmal nicht spürten, aber wir schluckten die Verschmutzung durch Kiefernpollen. Wir fanden Kiefernpollen während der Blütezeit auf dem Tisch, auf dem Bett, auf dem Handtuch, sie waren in den Wassereimern, die wir sammelten. Die Kinder bekamen Wunden, sie bekamen Bindehautentzündungen, es war unglaublich zu sehen, dass alle eitrige Augen hatten. Die ganze Gemeinde, mehr als 300 Familien in der Gegend, waren betroffen.

 

Und als wir am Verhandlungstisch saßen, sagte uns der Umweltminister, dass die von dem Unternehmen verwendeten Chemikalien vom Ministerium genehmigt seien. Also sagte ich ihm: "Lasst uns nach Piray fahren und fünf Häuser besuchen, ihr sucht die Häuser aus, und wir werden fragen, welchen Schaden das Unternehmen angerichtet hat, welchen Schaden die Kiefernpollen für die Kinder, für die Familien, für die Atmung und für die Tiere anrichten.“ Sie sind nicht gekommen, sie sind nie gekommen.

Wir nennen die Wälder hier montes oder capuera, wo die Bäume natürlich wachsen, die einheimischen Pflanzen, wo einheimische Früchte wachsen, wo wir Vögel sehen, viele Schmetterlinge, wo wir Kaninchen sehen, viele Tiere um sie herum, mit einer natürlichen Umgebung, wo der Boden gesund ist, die Tiere gesund sind, das Wasser gesund und sauber ist. Es ist wie ein perfektes Ökosystem, ein wirklich gesundes Leben. Der Kiefernforst ist nicht wirklich ein Wald, weil es dort kein Leben gibt.

 

Wie hat der Kampf um Land begonnen?

 

Das war vor mehr als 20 Jahren. Im Jahr 2000 konnten wir den Haushalt nicht mehr aufrechterhalten, da unsere Ehemänner, Väter, Brüder und Schwestern in andere Gebiete und Provinzen gehen mussten, um Arbeit zu suchen. Und wir blieben mit den Kindern und dem Problem zurück, wie einen Teller Essen auf den Tisch zu stellen. Und dann war da noch die Frage der Gesundheit, weil das Unternehmen giftige Agrochemikalien einsetzte.

Es wurden kleine Gruppen gebildet, die wir Arbeitsgruppen oder Basisgruppen nannten. Diese Gruppen waren es, die begannen, die Abholzung der Kiefern zu fordern. Wir dachten, das sei etwas Leichtes, etwas Einfaches, aber nein!

Heute sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir von der Fata Morgana des Unternehmens geblendet waren, aber die Realität selbst hat uns gezeigt, dass das Gegenteil der Fall war. Wir haben lange gebraucht, um uns zu organisieren, weil es damals sehr schwierig war, die Stimme zu erheben und etwas gegen ein multinationales Unternehmen zu sagen, das die Regierung an der Hand hat, das die Richter an der Hand hat und das die Gesetze auf seiner Seite hat. Wer damals dagegen war, galt als ungebildet und wusste nicht um die Vorteile die das Unternehmens, das in unserem Gebiet investieren wollte, bringen würde.

 

Wie haben Sie die Forderung nach Land entwickelt?

 

Im Jahr 2002 begann die Forderung nach Land und gegen Agrargifte. Und dass die Kiefernplantagen hinter unseren Häusern entfernt werden. Die erste Antwort, die wir bekamen, war: "Das Unternehmen wird euch nicht einmal einen halben Zentimeter Land geben". Nach vielen Verhandlungen antworteten sie uns, dass wir mit allem, was wir sagten, Recht hätten, aber dass sie nichts tun könnten, weil sie ein Privatunternehmen seien und der Staat das Problem lösen müsse. Daraufhin sagten wir: Wenn das nicht der Weg ist, dann eben der andere!

Die negative Seite davon war, dass es eine Menge Verfolgung gab. Die Polizei fing an, mit Vans durch unsere Gegend zu fahren, und sie kamen zu unseren Häusern, um unsere Kinder zu fragen, ob wir bei dem Treffen dabei waren: "Wo ist eure Mutter, wo ist euer Vater, wo ist er?“

Als sie uns keine Antwort gaben, beschlossen wir, Druck auf sie auszuüben. Zunächst nahmen wir Kontakt zu anderen Organisationen auf, die sich am Kampf um Land beteiligten. Wir entdeckten, dass es in Misiones mehr von uns gab, als wir dachten, und dass jeder in seinem Gebiet kämpfte. Dort entdeckten wir, wie wir uns selbst organisieren konnten, und wir lernten, wie wir uns mit anderen Familien in anderen Ortschaften verständigen konnten. Wir mussten uns mit Gesetzen vertraut machen und die Technik nutzen.

Wir haben auch verstanden, dass wir nicht nur weiterhin Forderungen stellen und Druck auf die Regierung und das Unternehmen ausüben, sondern auch die Gesellschaft für uns gewinnen müssen, dass wir die Menschen erobern müssen. Aber woher sollten sie das wissen, wenn sie uns nicht kannten? So begannen wir, uns an die Medien zu wenden, wir gingen zu Interviews in den Sendern, wir erzählten die Geschichte, wir erzählten ihnen, welches Projekt wir auf diesem kleinen Stück Land durchführten und wovon wir träumten.

Und wir haben Druck auf die Regierung und alle Parteien ausgeübt, nicht nur auf die, die gerade an der Macht ist. Der Entwurf, den wir vorlegten, lautete: Land für die Familien von Piray und keine giftigen Agrochemikalien mehr, keine Vergiftung mehr. Wir haben ihn allen Parteien und der Abgeordnetenkammer vorgelegt. So entstand 2013 das Gesetz zum Landkauf, die Enteignung von 600 Hektar für die Familien von Piray.

Es war ein ständiger Kampf, um dieses Gesetz zu erreichen. Es vergingen weitere drei Jahre, bis wir wieder demonstrieren mussten, um den Antrag zu stellen, damit uns das Land ausgehändigt wird. Und wir bekamen den ersten Teil, nämlich 166 Hektar.

 

Wie wurde das Land verteilt, das Sie erhalten haben?

 

Als uns 2017 die 166 Hektar übergeben wurden, trafen wir uns in einer Versammlung und sagten, dass jede Familie ihr eigenes Stück Land haben könnte, um es zu bearbeiten und eigene Lebensmittel zu produzieren. Der erste Schritt war, jeder Familie einen Hektar Land zu geben und den Rest für die gemeinschaftliche Arbeit. Außerdem wurde beschlossen, dass auch für den Markt angebaut und produziert werden soll, so dass der Erlös aus dem Verkauf des kollektiven Landes an die Kooperative zurückfließen würde.

Wir haben auch Land für die Wiederbelebung der Natur gelassen, denn wir haben als Organisation beschlossen, uns um unsere Umwelt zu kümmern. Wir haben beschlossen, um die Sümpfe und Bäche herum Platz zu lassen, damit sich die Quellen erholen können. Und wir haben beschlossen, keine chemischen Produkte zu verwenden und mit einheimischen Wäldern aufzuforsten. Und nach und nach tauchten andere Vögel auf, die wir in dieser Gegend nicht mehr gesehen hatten. Es kamen Schmetterlinge in allen Farben, die wir auch seit Jahren nicht mehr gesehen hatten.

 

Wie viele Familien bewirtschaften zur Zeit das Land?

 

Heute arbeiten bereits 90 Familien auf unserem Land, die sich aktiv an der Arbeit und an allen Aktivitäten, die wir durchführen beteiligen.

 

Wie sind Sie mit der Pandemie umgegangen?

 

Als die Pandemie begann, war eine der Strategien, den Familien im Dorf Lebensmittel zu bringen. Das löste eine "revolutionäre Freude" in der Gemeinschaft aus, denn ich konnte die Gesichter der Familien sehen, die das Essen erhielten, ich konnte die Freude der Kinder sehen, und es gab Großmütter und Mütter, die weinten. Das werden wir nie vergessen.

Wir haben es geschafft, dass die Gesellschaft versteht, was wir leben und was wir vorhaben.

 

Gibt es Bündnisse mit anderen Bauernorganisationen?

 

Vor sechs Jahren haben wir uns der UTT angeschlossen, der nationalen Gewerkschaft der Landarbeiter (Unión de Trabajadores y Trabajadoras de la Tierra). Sie sprachen über Lebensmittel ohne Agrargifte, über Ernährungssouveränität, sie forderten Zugang zu Land für Bauern, für Produzenten. Sie sprachen auch über faire Preise für die Lebensmittel, die wir Kleinerzeuger produzieren, und sie sprachen über etwas, das wir bereits praktizierten, ohne es zu wissen: Agrarökologie, was bedeutet, Lebensmittel ohne Gift, ohne Chemikalien, aber mit Dünger zu produzieren.

Mit unseren Genossen lernten wir, wie wir unsere eigenen natürlichen Substanzen, unsere eigenen Düngemittel herstellen können, die die Lebensmittel und den Boden nicht verschmutzen.

 

Welche Schwierigkeiten oder Konflikte traten während des Organisationsprozesses auf?

 

Ich erinnere mich, dass vor zwei oder drei Jahren ein Unternehmen kam und sagte, dass es gentechnisch veränderten Mais in unser Gebiet bringen wolle.

Die Präsentation auf der Versammlung war sehr nett. Sie sagten, dass es mehr Arbeit geben würde, dass der Mais leicht anzubauen sei und dass Roundup1 verwendet werden könne. Wir bereiteten Transparente, auf denen stand: "Für einheimisches Saatgut", "Schluss mit Agrargiften", "In Misiones wollen wir nicht, dass gentechnisch verändertes Saatgut und gentechnisch veränderter Mais eingeführt werden", "Sie kommen, um unser Essen zu holen. Wir werden das nicht zulassen".

 

Und in organisatorischen Angelegenheiten gibt es immer Dinge, die im Weg stehen, weil es immer Konflikte gibt. Seit wir mit der Organisation angefangen haben, haben wir viel erreicht, und viele Familien sind engagiert. Aber es gibt auch einen internen Kampf, damit dies geschehen kann. Es kommt oft vor, dass eine Organisation, die mit gutem Beispiel vorangeht, feststellt, dass auch die Arbeitgeber und der Staat Komplizen sind.

Sie fangen an, Leute von außen einzuschleusen oder die Delegierten, die Familien, zu manipulieren, und dann beginnen die Missverständnisse. Aber mit der Zeit werden die Sachen aufgedeckt, und die Wahrheit kommt immer ans Licht.

 

So haben wir in all der Zeit gelernt, dass wir, wenn es ein Problem, einen Konflikt gibt, der aber von außen kommt, versuchen, ihn gelassener anzugehen. Früher waren wir verzweifelt, wir wollten das Problem noch am selben Tag lösen, wir wollten es noch am selben Tag erklären, um unsere Zweifel loszuwerden. Es gibt Dinge, die man tun kann, und es gibt andere Dinge, die im Prozess gelöst werden müssen. Ich denke, dass wir heute bereit sind.

 

Können Sie mir sagen, wie die Organisation derzeit funktioniert?

 

Wenn wir den Präsidenten, den Schatzmeister und den Sekretär wählen, geschieht dies nicht auf die übliche Art der Abstimmung. Sie werden in einer Versammlung bestimmt. Das Erste, worauf wir Wert legen, ist Ehrlichkeit, dann Solidarität. Dann kommt der Termin am Ende des Jahres oder am Anfang des Jahres, und wir wissen schon, wen wir vorschlagen, wir wissen schon, wer diese Person ist.

Darüber hinaus gibt es ein Team, das sich um die Verwaltung kümmert, um die Bilanzen und den Buchhalter. Andere kümmern sich um Beiträge, Gelder, Verkäufe und Maschinen. Wieder andere kümmern sich um die gemeinsame Arbeit, die wir jeden Samstag verrichten. Einmal im Monat nehmen wir an der gemeinsamen Arbeit teil, sei es beim Pflanzen, Ernten, Organisieren der Produkte für den Verkauf oder beim Putzen.

Alle Familien treffen sich einmal im Monat in der Versammlung. Wir versuchen immer, ein Gleichgewicht zu finden, denn die Kooperative soll sich in unserer Gemeinschaft entwickeln.

 

Welche Bedeutung hat das Land für Sie als Frau?

 

Für uns, für meine Genossinnen und vor allem für mich, ist, dass wir dieses Land erkämpft haben die Hoffnung auf ein neues Leben. Deshalb berührt es uns so tief, wenn sie immer sagen: "Mutter Erde", weil wir das Gefühl haben, dass unser Gebiet in diese Mutter Erde verwandelt wurde. Was macht eine Mutter? Sie gibt uns alles, sie gibt uns alles und kümmert sich um uns. Wie können wir uns nicht um sie kümmern?

In diesem Jahr konnten wir erreichen, dass Mutter Erde auf das Wandbild unserer Organisation gezeichnet wurde. Die Erde als Frau, die sich hinsetzt, mit einigen grünen Bäumen um sie herum und mit all den Produkten in ihren Händen. Und als Frau hat man das Gefühl, dass man ein Teil davon ist. Als ich mein erstes Interview gab, als sie uns das Land für die erste Phase überließen, fragten sie mich, was ich fühlte, und tief in meinem Inneren spürte ich eine revolutionäre Freude. Denn das System ist so gestaltet, dass die Kleinen, die Kinder, die Frauen vor allem, nicht einmal die Möglichkeit haben, davon zu träumen, dass etwas möglich ist.

Und ich als Frau, die die Stimme meiner Gemeinschaft vertritt, die sie auf den Tafeln vorträgt, die sie als Forderung an die Beamten stellt, in der Kammer, wo alle Abgeordneten sitzen. Als Frau hatte ich das Gefühl, dass ich die Stimme des Volkes bin. Eine Frau weiß also, wie sie vermitteln kann, was ihre Gemeinschaft, ihr Volk, ihre Leute lebt. Und es gelang uns, die Herzen der Abgeordneten zu gewinnen. Viele Abgeordnete kamen, um über das zu sprechen, was wir ihnen erzählt hatten. In den Interviews sagten sie, dass wir bescheidene Familien seien, dass wir viele Frauen seien und dass sie glaubten, dass wir dieses Land bearbeiten und unsere eigenen Nahrungsmittel produzieren würden.

Das gab mir das Gefühl großer Freude, dass es möglich war, dies zu erreichen, und zwar dank dieser Überzeugung und dieses Engagements, das man als Frau auch zu Hause hat, weil man weiß, was man alles braucht.

 

 

1Roundup ist auch unter seinem wissenschaftlichen Namen Glyphosat bekannt

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Miriam Samudio
in unserem Podcast

Alfredo Añasco

AGRARÖKOLOGIE ALS LEBENSWEISE
Interview mit Alfredo Añasco

In Kolumbien tut sich etwas Wichtiges. Die neue Regierung hat sich vorgneommen, die strukturellen Probleme der Landwirtschaft zu lösen und damit auf die jahrzehntelangen Forderungen der Kleinbäuerinnen und -bauern einzugehen. Zu diesem Zweck hat die Regierung von Gustavo Petro eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen, mit dem Ziel von einer extraktiven zu einer produktiven Wirtschaft zu gelangen.

Die umfassende Agrarreform, zu der sich die Regierung im Zuge des Friedensabkommens mit den FARC in Havanna verpflichtet hat, ist bereits im Gange. Diese Reform zielt darauf ab, den Zugang zu Land zu demokratisieren, die Agrarökologie zu fördern, sowie den Einsatz giftiger Substanzen zu verbieten, da diese Ernährungssouveränität, das Wasser und die Artenvielfalt beeinträchtigen.

In Berlin führte Conectando Territorios ein Interview mit Alfredo Añasco, einem Kleinbauern aus dem Valle del Cauca. Er berichtet von dem Project "Granja Agroecológica Pura Vida", der agrarökologischen Farm, die er betreibt und dessen Entwicklung.

La agroecologia como opción de vida.jpg
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Alfredo Añasco

Wie kam es zur Gründung der Granja Agroecológica Pura Vida?

Wir hatten die Gelegenheit, uns über die Erfahrungen in anderen Ländern zu informieren. Das gab uns den Anstoß, eine Farm für Ernährungssouveränität zu gründen. Wir bekamen ein halbes Hektar Land und begannen, die agrarökologischen Prinzipien und Bodenbewirtschaftungsmethoden anzuwenden, die wir in den Jahren zuvor gelernt hatten. Und nach und nach arbeiteten wir mit unserer Familie an dem Aufbau unserer Farm.

Wir begannen damit, einen Gemüsegarten anzulegen, Obstbäume zu pflanzen und das anzupflanzen, was wir in Kolumbien "pancoger" nennen, d.h. die Lebensmittel, die man jeden Tag auf dem Hof holen kann, wie Mais, Bohnen oder Yucca und alles andere, was man anbauen kann. Wir haben Futterpflanzen angebaut, die in unserer Region reichlich vorhanden sind, um Tiere füttern zu können. Wir begannen mit einer Kuh, dann kamen Hühner, Fische und Schweine hinzu, und so wurde das Projekt umgesetzt.

Heute ist es ein vollwertiger Bauernhof mit einer großen Lebensmittelproduktion. Ein großer Teil der Lebensmittel für unsere Familie stammt von dort. Wir gönnen uns den Luxus, hauptsächlich Bioprodukte zu essen. Jetzt haben wir keine Kuhmilch mehr, sondern Ziegenmilch, wir haben verschiedene Fleischsorten: Huhn oder Fisch. Wir haben Eier, Gemüse und eine große Auswahl an Obst.

 

Mit anderen Worten, das erste Projekt war Subsistenzwirtschaft...

Ja, das erste Projekt war für den Eigenverbrauch. Aber nach ein paar Jahren haben wir aufgrund des Mangels an Arbeitsplätzen über die Möglichkeit nachgedacht, mit dem Betrieb Geld zu generieren, über Bauernmärkte. Wir haben uns 2009 zusammengetan und unser eigenes Marktnetz aufgebaut. Das haben wir ehrenamtlich gemacht, wir hatten nie finanzielle Mittel und niemand bekommt dafür Geld. Wir sind seit 13 Jahren in diesem Marktnetz und es haben sich mehr als fünfhundert Familien angeschlossen. Wir haben jetzt 18 Märkte in der Region Valle del Cauca. Die Bedeutung der Netzwerke ist interessant, weil man andere kennenlernt und mit ihnen in Kontakt kommt. Dies hat uns die Möglichkeit gegeben, andere Erfahrungen kennen zu lernen, auch aus anderen Ländern.

 

Erzählen Sie mir etwas mehr über diese Erfahrungen mit der Vernetzung.

Ich hatte die Gelegenheit, an INFOAM-Veranstaltungen in Brasilien und Indien teilzunehmen. INFOAM ist der Internationale Verband der ökologischen Landbauernbewegungen. Wir sind auch Teil von MAELA, der lateinamerikanischen Bauernbewegung, und von INOFO, einem interkontinentalen Netzwerk ökologischer Bauernorganisationen, das 2017 auf Initiative eines französischen Landwirts mit dem Ziel gegründet wurde, die Teilnahme von Kleinbauern an diesen Veranstaltungen sicherzustellen. Diejenigen von uns, die dieses Netzwerk bilden, sind praktisch alle Kleinbauern, und es gibt nur sehr wenige von uns. Aber das Gute daran ist, dass diese Organisation, die eher im Rahmen der Vereinten Nationen und der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, Anm. d. Aut.) agiert, es mir ermöglicht hat, an Veranstaltungen von gewisser Bedeutung teilzunehmen, so wie jetzt, wo ich hier bin, zum Beispiel. Für einen Kleinbauern ist es nicht einfach, nach Deutschland zu kommen, niemand lädt einen ein, niemand berücksichtigt einen, aber wenn man in diesen Organisationen ist, bekommt man manchmal Einladungen. Für mich ist es am wichtigsten, ein Sprachrohr für die Landwirte zu sein, die nicht berücksichtigt werden, die auf den Höfen vergessen werden, denn all diese Dinge passieren hier auf sehr hoher Ebene. Ich denke, das ist die Arbeit, die ich bei dieser Art von Veranstaltungen machen kann, und ich versuche, sie so gut wie möglich zu machen, damit unsere Stimmen gehört werden, denn sie wurden immer ignoriert.

 

Könnten Sie etwas mehr über die Landfrage und wie die Agrarreform

vorangeht sagen?

In Kolumbien wurde sehr viel Land von Bauern enteignet. Wir sprechen von 6 Millionen Menschen, die vertrieben wurden. Das geraubte Land wurde von Leuten übernommen, die in Drogenhandel und Paramilitarismus verwickelt sind. Das Problem ist also sehr ernst, denn der größte Teil der Ländereien befindet sich in den Händen von sehr wenigen Menschen, und Kolumbien wurde für die Viehzucht stark entwaldet. Die Bauern produzieren also auf sehr kleinen Flächen, in den entlegensten und schwierigsten Gebieten. Dennoch stammen 70 % der Nahrungsmittel aus bäuerlichen Gebieten.

 

Ohne Land kann es keine Veränderung geben. Die Regierung hat also bereits mit der Agrarreform begonnen und gibt Grund und Boden an Bauern ab. Eine der Positionen des Präsidenten ist es, kein Land wegzunehmen, auch wenn er es könnte, weil es sich um Land handelt, dass vorher enteignet wurde. Die Idee ist, dass er das Land kauft, und er kauft es auch. Er hat nicht viel Geld, weil Kolumbien vollständig ausgeraubt wurde. Er macht sich die Aufgabe, das Land zu kaufen, damit die Möglichkeit besteht, dass die Menschen nicht getötet werden, wenn sie Land übergeben bekommen, das angeblich jemand anderem gehört.

 

Ich denke nicht, dass Land allein das Problem löst. Denn die Infrastruktur zur Förderung der Landwirtschaft war mein ganzes Leben lang sehr schlecht. Es wird auch von Agrarökologie gesprochen, aber auf institutioneller Ebene sind Bedingungen für den Übergang noch nicht gegeben. Es ist nicht sichergestellt, dass Landwirte die technische und wirtschaftliche Unterstützung erhalten, die sie für die Umstellung benötigen.

 

Petro hat einen sehr schönen Slogan ausgegeben: "Kolumbien, eine Weltmacht fürs Leben". Aber das erfordert einen Wandel in der Landwirtschaft, denn wir werden nicht zu einer Weltmacht für das Leben werden, wenn wir mit der chemischen Landwirtschaft weitermachen. Und in Kolumbien hat sich zwar die Regierung geändert, aber das Landwirtschaftsministerium und seine Struktur haben sich nicht geändert.

 

Das Kooperationsprojekt zwischen dem kolumbianischen und dem deutschen Landwirtschaftsministerium zeigt, dass die Vision, die sie haben, die gleiche ist wie immer: eine vertikale Vision. Es gibt ein Ministerium, das sagt: "Wir müssen mit Agrosavia zusammenarbeiten", das ist eine Institution, die von den traditionellen Modellen ausgeht, von einer Vision der grünen Revolution und einer vertikalen Vision, bei der es oben diejenigen gibt, die Bescheid wissen, und unten diejenigen, die nicht Bescheid wissen. Aber so ist das nicht.

 

Es gibt viel mehr Erfahrung mit der Agrarökologie auf dem Land und bei denjenigen von uns, die sie seit 30 Jahren praktizieren, als in einem Ministerium, das gerade erst anfängt, über Agrarökologie zu sprechen. Oder Institutionen, die von einem Modell wie dem ICA, dem kolumbianischen Landwirtschaftsinstitut, ausgehen, das unser größter Feind ist. Diese Institution hat die Einführung von transgenem Saatgut genehmigt und hat die Resolution 970 geschaffen, mit der sie uns mit Gefängnis bedrohen, wenn wir einheimisches Saatgut verwenden. Und das ICA steht auf der Liste der Verbündeten für dieses Kooperationsprojekt mit Deutschland!

 

Bei diesem Treffen hier in Berlin bitten wir sie, dies zu überdenken und die Erfahrungen der Agrarökologie, die es im Land und in den Gemeinden gibt, stärker zu berücksichtigen. Wenn das nicht geschieht, wird sich nichts ändern. Denn der Plan, den sie haben, ist die Einrichtung von Vorführzentren auf Bauernhöfen, die einer staatlichen Institution gehören. Sie werden also jahrelang forschen und erst dann anfangen, ein paar Leuten beizubringen, wie man Agrarökologie betreibt.

 

Und das machen wir schon seit Jahren. Aus der täglichen Praxis heraus betreiben wir auch Wissenschaft und können sie den Menschen zugänglich machen, denn in den Gebieten, in denen wir tätig sind, haben wir eine Beziehung zu Universitäten, die auf die Höfe gehen, um dort zu forschen, aber es ist eine eher horizontale Beziehung.

 

Wie wichtig ist es für Sie, das Land zurückzugewinnen und

Agrarökologie zu praktizieren?

 

Wir brauchen das Land, wir müssen es zurückgewinnen und es muss gut verteilt sein. Und die Agrarökologie ist die beste Option, weil sie die Produktion, das Leben des Bodens und den Schutz des Wassers wiederherstellt. Das Problem des Klimawandels wird mit der Agrarökologie gelöst! Wir schaffen Mikroklimata, weil wir klein und wenige sind, aber wenn wir es massenhaft tun würden, würden wir uns völlig verändern. Wir würden zwei ernste Probleme lösen, nämlich den Klimawandel und den Hunger, denn wir müssen den Planeten wieder aufforsten, und wir können ihn produktiv aufforsten. Es lohnt sich also das zu tun und wir leben das auch. Es ist unsere tägliche Praxis, und deshalb glauben wir fest daran, dass es möglich ist und umgesetzt werden sollte.

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alfredo añasco
in unserem Podcast

Abel Coicue

DIE BEFREIUNG DER MUTTER ERDE
Interview
mit
Abel Coicue

Nach mehr als vier Jahrzehnten bewaffneten Konflikts befindet sich Kolumbien derzeit in einem Friedensprozess. In den ländlichen Gebieten war (ist) der Konflikt stark vom Streit um Land geprägt, bei dem alle bewaffneten Akteure um die Kontrolle und die Vorherrschaft über das Land kämpfen. In der Folge wurden Tausende von Bauer*innen und Indigenen getötet, vertrieben und ihres Landes beraubt. Die Lösung des Landproblems ist daher eine unabdingbare Voraussetzung für die Verwirklichung des Friedens. Eines der von dem Konflikt stark betroffenen Völker sind die Nasa. Viele ihrer angestammten Ländereien befinden sich heute in den Händen der Zuckerindustrie.

Wir haben Abel Coicue, einen Vertreter der Nasa aus der Gemeinde Caloto im Norden des Bundesstaates Cauca, interviewt, der erzählte, wie und seit wann sie beschlossen haben, ihr Land zurückzuerobern, ein Prozess, den sie die Befreiung von Mutter Erde nennen.

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Abel Coicue

Wer sind die Nasa und wo leben sie derzeit?

Die Nasa sind hauptsächlich im Norden des Departements Cauca angesiedelt. Wir sind etwa 200.000 bis 300.000 Menschen und in etwa 20 Reservaten organisiert. Wir sind auch in anderen Departements wie Huila, Caquetá und Putumayo vertreten.

 

Welche Probleme gibt es auf dem Gebiet der Nasa?

Eines der am stärksten spürbaren und historischen Probleme ist der bewaffnete Konflikt. Wir haben uns immer gegen die Präsenz verschiedener bewaffneter Gruppen und der Sicherheitskräfte in unseren Gebieten gewehrt. Es gibt Zwangsrekrutierung unserer Kinder und Jugendlichen und unsere Gemeinden werden aufgrund der anhaltenden Kämpfe vertrieben.

Gegenwärtig haben wir das Problem des Landbesitzes, denn unsere Familie wächst und es gibt keine Arbeit. Als die Kolonisatoren kamen, gab es viele Enteignungen, mit Gewalt und Betrug nahmen sie das Land unserer Vorfahren in Besitz. Damals versteckten sich die Menschen in den Bergen, wo wir heute leben. Nach der Eroberung kamen die großen Unternehmer, und heute gehören ihnen all diese Ländereien.

 

Wann haben Sie den Prozess der Befreiung von Mutter Erde begonnen?

Es gibt ein historisches Vermächtnis, dass dies unser Land ist. Also haben wir uns organisiert, um es zurückzugewinnen. In den 60er und 70er Jahren bestand die Rückgewinnung darin, keine terraje1 zu zahlen. In den Jahren 1970-71 wurden die Cabildos (Räte, Anm. d. Übers.) und die Reservate mit dieser Strategie des Kampfes und der Rückgewinnung der Ländereien gegründet. Der Prozess begann nach den Lehren von Manuel Quintin Lame, einem der Nasa-Caciques des nördlichen Cauca, der nach seiner Inhaftierung studierte und lernte, welche Rechte es zur Landrückgewinnung gibt. Seit 2005 heißt dieser Prozess Befreiung. Warum hat der sich der Begriff geändert? Weil die Menschen, die in den Bergen lebten, ins Flachland kamen, um das Land zu befreien, das seit Jahren und Jahrzehnten nur mit Zuckerrohr bebaut wurde. Es heißt die Befreiung der Mutter Erde, weil wir sie von Monokulturen, von Chemikalien und von der Brandrodung befreien und Leben, Nahrung und Bäume pflanzen. Seit der Befreiung ist die Artenvielfalt in das Gebiet zurückgekehrt. Auch das Wasser kehrt an die Orte zurück, an denen es Quellen gab, die durch die Zuckerrohrplantagen versiegt waren.

 

Wie hat dieser Befreiungsprozess in der Praxis angefangen?

Es war schwierig, weil es für die Ländereien heute Besitzurkunden gibt. Die Medien und die Regierung selbst behaupten nun, wir würden Land stehlen und Land nehmen, das uns nicht gehört. Aber wir haben mit Fakten und mit der Geschichte bewiesen, dass dieses Land uns gehört.

Also haben wir uns organisiert, wir sind auf das Land gekommen, haben es befreit und bearbeitet. Die staatlichen Kräfte vertreiben uns, aber wir kehren zurück und leisten Widerstand. Manchmal, nach so viel Widerstand, erlangen wir die Rechte an dem Gebiet. Aber das ist ein langer Prozess, der 15, 20 oder sogar 30 Jahre dauern kann, je nachdem, wo die Befreiung stattfindet.

Mit der jetzigen Regierung verlaufen die Gespräche mit den Unternehmern und der Regierung etwas flüssiger, im Gegensatz zu den Regierungen von Álvaro Uribe und Duque, wo es viel Repression gab und viele Menschen gewaltsam verschwunden gelassen, ermordet und verwundet wurden. Seitdem wurden sie von den Sicherheitskräften, den Paramilitärs und manchmal auch von der Guerilla ermordet.

Unser Ziel ist es, 300.000 Hektar Land zu befreien. Bis jetzt haben wir etwa 160.000 Hektar befreit. Aber es ist ziemlich kompliziert, denn auf der politischen Ebene haben die Unternehmer eine große politische und wirtschaftliche Macht.

Wir wissen, dass alle Rechte, die wir heute haben, das Ergebnis des Kampfes unserer Völker und unserer Organisationen wie CRIC2 und ACIN3 sind, mit anderen Worten, wir haben nichts geschenkt bekommen.

 

Bringen die Zuckerrohrplantagen der Gemeinschaft irgendeinen Nutzen?

Nein, denn alles geht an die großen Geschäftsleute, die die Plantagen besitzen. Hier im Departement Cauca sind die Besitzer der Zuckermühlen sehr mächtige kolumbianische Geschäftsleute, wie Ardilla Lülle, Besitzer der Zuckermühle Manuelita. Sie haben hier den größten Landbesitz und nutzen die Zuckerrohr-Monokulturen zur Herstellung von Ethanol und allen Biokraftstoffen, die hier in Kolumbien verbraucht werden. Für sie gibt es also Gewinne, aber für die Gemeinschaften, die hier leben und an den Rand gedrängt sind, gibt es keine Vorteile.

Was die Frage der Arbeit angeht, so gab es früher eine ganze Reihe von Arbeitsplätzen für die Menschen, aber nicht für die indigene Bevölkerung, denn die indigene Bevölkerung hat nie vom Zuckerrohrschneiden gelebt. Diejenigen, die vom Zuckerrohrschneiden leben, sind afrokolumbianische Genossen, die einen Teil dieser Ländereien bewohnt haben. Aber sie haben diese Arbeit durch die Industrialisierung verloren. Aber die Propaganda der Unternehmen ist, dass sie den Menschen Arbeit geben, aber das ist eine Lüge.

 

Gibt es Bündnisse mit anderen indigenen Völkern in Kolumbien?

Im Fall von Cauca haben wir versucht, Bündnisse zu schließen. Im Moment gehen wir ins Flachland und haben uns mit Bauern- und afrokolumbianischen Dörfern getroffen. Die Bauerndörfer sind auch schon dabei - ich weiß nicht, wie sie es nennen, aber sie sind auch dabei, Land zurückzugewinnen.

Bei den Afrokolumbianern war es sehr schwierig, weil sie sehr stark vom Zuckerrohranbau abhängig sind und glauben, dass wir ihnen ihre Arbeitsplätze und ihr Land wegnehmen. Wir haben einen Dialog geführt, und nach und nach haben sich auf einigen Farmen auch einige afrokolumbianischen Genossen diesen Befreiungen angeschlossen. Die Idee ist, dass auch sie Land haben sollten.

Hier haben wir ein so genanntes interethnisches Treffen ins Leben gerufen, bei dem wir die indigenen, bäuerlichen und afrokolumbianischen Gemeinschaften zusammenbringen. Es handelt sich um einen Runden Tisch mit allen Führern dieser drei Gruppen, an dem ein schwieriges Gespräch stattfindet. Aber die Regierung wollte das verhindern, weil sie nicht wollte, dass wir uns zusammenschließen.

In Kolumbien haben wir Bündnisse mit sozialen und studentischen Organisationen geschlossen. Wir haben Mingas für den Frieden und die Lebensmittel-Minga durchgeführt, bei denen wir alle Lebensmittel, die wir in unserem Gebiet haben, sammeln und sie in die Städte bringen. Auf internationaler Ebene hatten wir auch viele Besuche von Organisationen aus anderen Völkern, die gekommen sind, um sich zu informieren und Erfahrungen auszutauschen.

 

Wie bearbeiten sie das Land, nachdem es befreit worden ist?

Wenn wir das Land in Besitz genommen haben und es keine Risiken mehr gibt, bearbeiten die Menschen das Land. Im Flachland ist das Land sehr fruchtbar und bringt viel Nahrung hervor, anders als im Gebirge. Aber wenn es keine Sicherheit gibt, verlieren die Menschen die Motivation. Denn wir haben schon erlebt, dass die Sicherheitskräfte hektarweise Bananen-, Reis-, Maniok- und Maiskulturen angegriffen und beschädigt haben.

Aber die Menschen arbeiten. Wir haben begonnen, biologisch anzubauen und zu diversifizieren. So entsteht allmählich ein neues ökologisches Panorama, und wir sehen auch eine Veränderung des Klimas, denn die Bäume beginnen zu wachsen, Schatten zu spenden und Früchte zu tragen, und wir sehen wieder das Grün der Natur, denn die Monokultur des Zuckerrohrs hat alles zerstört, das Wasser und die Natur.

 

Wir bauen auch gemeinschaftliche Forellen-, Molkerei- und Viehzuchtbetriebe auf, um von der Regierung unabhängig zu werden und überleben zu können, denn wir wollen das Land, um unsere eigene Wirtschaft für unsere Gebiete zu schaffen. All dies hat der Familie ein wirtschaftliches Einkommen verschafft und wird in den Dörfern und in den großen Städten wie Cali konsumiert. Bis jetzt können wir nur innerhalb unserer Gemeinden vermarkten, weil die Regierung uns politische und rechtliche Hindernisse in den Weg gelegt hat. Aber es gibt bereits einige Produkte, wie z.B. Kaffee, die ins Ausland, nach Europa, verkauft werden.

 

Was ist der wichtigste Kampf der NASA?

Der wichtigste Kampf ist der für das Leben. Für uns ist das Leben alles: der Mensch und die Arten, die in der Natur existieren und mit denen wir auf dem Gebiet zusammenleben. Es ist ein historischer Kampf, der logischerweise mit der Rückgewinnung und Befreiung unseres Landes verbunden ist, das unsere Vorfahren verloren haben.

Wir träumen davon, uns zu wehren indem wir unsere Sprache sprechen, die nur schwer zu erhalten ist. Wenn man die Namen dieser Dörfer erforscht, stimmen sie mit der Sprache überein, die unsere Vorfahren hatten.

 

Was bedeutet das Land für Sie und lohnt es sich, für das Land zu kämpfen?

Uma kiwe bedeutet für uns unsere Mutter Erde. Und ja, es lohnt sich, für sie zu kämpfen, denn sie gibt uns alles, sie gibt uns Wasser, Sauerstoff, Nahrung und Leben. Mit anderen Worten, wir könnten ohne sie nicht leben. Deshalb ist das Konzept unserer Mutter Erde, sich um sie zu kümmern, sie zu verteidigen und sie zu erhalten, damit wir alle in unseren Gebieten gut zusammenleben können, das ist unser Motto als NASA-Volk.

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1Das terraje war ein feudales System, bei dem der Besitzer einer Hazienda einem Indigenen ein Stück Land überließ und ihm erlaubte, es im Austausch gegen Arbeit zu bewirtschaften.

2Regionalen Indigenenrat von Cauca

3Vereinigung der indigenen Räte des Nordens von Cauca

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Abel Coicue
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